Ich habe die Angewohnheit, vor jeder Abstimmung den Initiativtext selbst zu lesen. Nicht das Büchlein, nicht die Schlagzeilen – den Text. Bei der Ernährungsinitiative bin ich froh darum, denn was ich dort gelesen habe, hat mit dem, was seit Monaten erzählt wird, wenig zu tun. Verlangt wird, dass der Bund einen Netto-Selbstversorgungsgrad von mindestens 70 Prozent anstrebt – also den Anteil unserer Lebensmittel, der tatsächlich hier wächst. Heute sind es magere 42 Prozent. «Anstreben», nicht «erreichen müssen». Ein feiner Unterschied, den man in Bern offenbar bewusst verwischt.
Und das Tempo? Fünf Jahre für die Ausführungsbestimmungen, zehn für die Instrumente. Wie schnell es konkret vorangeht, entscheidet danach immer noch das Parlament. Das ist eine Absichtserklärung mit Fahrplan, keine Revolution.
Das Wort «Fleisch» kommt im ganzen Verfassungstext übrigens kein einziges Mal vor. Kein Verbot, keine Höchstmenge, keine Vorschrift für unsere Teller. Gefordert wird lediglich, dass der Bund mehr pflanzliche Lebensmittel fördert.
Und der Bundesrat? Will den Selbstversorgungsgrad ebenfalls erhöhen – auf 50 Prozent, bis 2050. Man ist sich also einig, dass es aufwärts gehen soll. Gestritten wird über das Tempo. Wozu dann die Angstkampagne vom Vegan-Zwang?
Ich stimme Ja. Nicht weil ich niemandem die Bratwurst gönne, sondern weil im Text schlicht nichts anderes steht als ein Auftrag, unsere Ernährung krisenfester zu machen. Lesen Sie ihn selbst – zehn Minuten, und Sie entscheiden über die Vorlage statt über die Schlagzeilen
Jérôme Lefèvre, Schwerzenbach


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