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Wie viel Jüdisches steckt im christlichen Glauben?
25 August 2024 @ 10:00 CEST

Foto: Das Seeufer von Maur (Roland zh, wikimedia commons, CC BY-SA 3.0)
Unsere Gegenwart erlebt sich häufende antisemitische Gewalttaten und Proteste, fast wie im Mittelalter. Die Kritik an Israels Politik schlägt vielerorts in blinden Hass gegen alles Jüdische um. Der Staat Israel ist in seiner Existenz so gefährdet wie lange nicht mehr. Dabei stehen viele Christen im tief gespaltenen Westen an der Seite Israels, so sehr man dessen Behandlung der Palästinenser im Einzelnen kritisieren kann.
Vielen Christen ist stets bewusst, dass die jüdische Religion eine enge Schwester der christlichen Religion, ja man könnte sagen: deren Mutter ist. Das Dokument unseres Glaubens, die Bibel Alten und Neuen Testaments, heute vielfach erstes und zweites Testament genannt, wurde durchgehend von Juden geschrieben und erzählt in weiten Teilen die Geschichte, das Werden und das Schicksal des jüdischen Volkes. Wenn ich mich an die Sonntagsschulzeit erinnere: Alle unsere Helden, deren Bildchen wir sammelten und von denen uns erzählt wurde, von Joseph, dem Stellvertreter des ägyptischen Pharao, bis zu Daniel in der Löwengrube, waren Angehörige des israelitischen Volkes, die so unsere eigene Geschichte des Glaubens prägten.
Und das gilt auch für das Neue Testament. Jesus war Jude und sah seine Mission klar begrenzt auf seine eigenen Volksangehörigen in den Grenzen Israels, und vieles, was er tat, ist nicht verständlich ohne Kenntnis des Jüdischen. Petrus, der als der erste Papst gilt, war Jude (und verheiratet), Paulus war Jude.
So gesehen war das Christentum zu Anfang eine innerjüdische Sekte, deren Mitglieder sich keineswegs bewusst waren, einer neuen Religion anzugehören, einer neuen Religion, die erst mit ihrer grossen Bindekraft für Menschen aller antiken Kulturen und Religionen diese enge Bindung an den jüdischen Glauben sprengte und schliesslich auflöste.
Spuren der Auseinandersetzung mit ihrer Mutterreligion finden sich im Neuen Testament überall. Die Frage, wie weit Christen, die aus dem Heidentum zum Glauben gefunden hatten, sich erst die jüdischen Bräuche und Gesetze aneignen müssen, um Christen zu sein, spaltete die frühe christliche Gemeinde. Paulus erinnert judenskeptische Christen auf der anderen Seite mit einem Bild aus dem Gartenbau an das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum. Der neue Glaube an Christus sei, so Paulus, wie der Edelzweig, den man in den wilden Ölbaum des jüdischen Volkes eingepfropft habe.
An der spirituellen und theologischen Rolle, die Jesus zugewiesen wurde, spaltete sich dann die neue Jesusbewegung von der jüdischen Mutter ab. Die Christen anerkannten Jesus als den von den alttestamentlichen Propheten vorausgesagten «Messias», was «der Gesalbte» heisst und in griechischer Übersetzung «Christus», so sehr, das «Jesus Christus» zum Eigennamen des historischen jüdischen Propheten Jeschuah wurde.
Die Jerusalemer Urgemeinde, die hauptsächlich aus jüdischen Christen bestand, löste sich mit der Eroberung und Vernichtung des jüdischen Staates durch die Römer im ersten nachchristlichen Jahrhundert auf.
Es gab aber immer Menschen, die sich als Juden definierten und gleichzeitig Jesus als den Messias anerkannten. Sie nennen sich selbst heute messianische Juden. Unser Gast am nächsten spirit&soulGottesdienst, Dania Hernandez, bekennt sich zu dieser Glaubensrichtung, die darum dann im Mittelpunkt stehen wird.
Pfarrer Wilhelm Schlatter
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