Die Gegner der Initiative gegen Massentierhaltung überraschen: Ich bin mit all ihren Argumenten einverstanden.
Als Mitinitiantin der Initiative gegen Massentierhaltung schaue ich der kommenden Abstimmungsphase und damit der Gegenkampagne mit mulmigen Gefühlen entgegen. Wird es zum Todesstoss für meine bisherigen guten Beziehungen zu den Bauern kommen? Werden wir zugepflastert mit Plakaten à la «Bratwürste verbieten?!», die mit dem konkreten Inhalt der Initiative so wenig zu tun haben wie der Inhalt mancher Discounterwürste mit einer traditionell hergestellten Bratwurst?
Dank langjähriger Kampagnenarbeit bin ich mit allen Wassern gewaschen – von niedertrampelnden Stiefeln bis zu weinenden Kindern war bisher alles mit dabei. Umso erstaunter war ich, als ich die Bilder der Delegiertenversammlung des Bauernverbandes zu Gesicht bekam, auf denen die Gegenkampagne zur Initiative erstmals präsentiert worden war.
Zu sehen waren weder idyllisierte Bilder von Schweizer Tierhaltungen noch Szenarien mit weinenden Vätern ohne Cervelat am 1. August – sondern schlicht traurige, entsetzte und wütende Smileys mit den Fragen: «Lebensmittel verteuern?» und «Auswahl einschränken?» Es gab kein Bashing, keine verdrehten Argumente, kein Spiel auf die Frau oder den Mann, wie ich es mir in meinen bangen Vorstellungen bereits ausgemalt hatte. Ich konnte der Kampagne nur mit einem Wort begegnen: Ja!
Ja, es stimmt: Lebensmittel, in unserem Fall die tierischen Produkte, sollen und müssen teurer werden. Noch nie haben wir so wenig Geld für Nahrungsmittel ausgegeben: Ein durchschnittlicher Haushalt gibt rund 8 Prozent des Einkommens dafür aus, das ist ein historischer Tiefststand. Zudem wird noch immer ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weggeworfen, der Löwenanteil davon in den privaten Haushalten, aller Sensibilisierungskampagnen zum Trotz. Letzteres ist ein klares Indiz dafür, dass der Wert von Lebensmitteln offenbar noch immer zu gering ist.
Für Schweizer Bauern wäre es nur fair, wenn importierte Produkte den gleichen Anforderungen genügen müssten wie hier Produziertes.
Wenn es möglich ist, rund ein Drittel des Eingekauften wegzuwerfen, ohne es zu konsumieren, können wir doch nicht von zu hohen Preisen reden. In einem Tierprodukt stecken Ressourcen, das Futter und die Arbeit der Bauern, die eine faire Entlöhnung verdienen und insbesondere für ihre Leistungen für das Tierwohl besser entschädigt werden sollen. In diesem Sinne von meiner Seite aus vollstem Herzen ein erstes Ja zum Plakat der Gegenkampagne: Tierprodukte müssen etwas teurer werden.
Und auch zum zweiten Plakat «Auswahl einschränken» sage ich überzeugt Ja. In Umfragen geben über 80 Prozent der Bevölkerung an, dass ihnen das Tierwohl stark am Herzen liege und sie Massentierhaltung ablehnten. Dennoch importiert die Schweiz noch immer Produkte aus Tierhaltungen, die in der Schweiz gar nicht mehr zugelassen wären und dem einheimischen Tierschutzgesetz widersprechen – allerdings ohne dass dies den Konsumierenden bewusst ist. Die Initiative gegen Massentierhaltung würde solche Importe unterbinden.
Warum ausgerechnet der Bauernverband sich gegen diese Importbeschränkungen wehrt, ist mir ein Rätsel: Für Schweizer Bauern wäre es schliesslich nur fair, wenn importierte Produkte den gleichen Anforderungen genügen müssten wie hier Produziertes; wir erinnern uns gern an das mittlerweile etwas strapazierte «Gleich lange Spiesse»-Argument. Auch hier gibt es von mir also ein klares Ja zum Plakat: Ja, wir sollten die Auswahl einschränken, ja, es sollte nicht möglich sein, Tierqualprodukte in der Schweiz zu konsumieren, genauso wie es nicht erlaubt ist, Tiere zu quälen.
Und die erste Unke, die nun nach der Freiheit der Konsumierenden ruft, soll sich gern an Adam Smith erinnern, gemäss dem die persönliche Freiheit nur so weit geht, bis sie die Freiheit anderer einschränkt. Und zu den anderen gehören auch die Menschen in anderen Ländern und zukünftiger Generationen. Noch nie war ich mit einer Gegenkampagne so einig, und ich freue mich bereits jetzt auf einen fairen und sachlichen Dialog in der Abstimmungsphase.
Meret Schneider ist grüne Nationalrätin des Kantons Zürich
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